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Heilungen in Lourdes


Hat es früher Epochen der Wundersüchtigkeit gegeben, so ist die Gegenwart eher durch Wunderskepsis, ja durch Wunderablehnung gekennzeichnet. Nicht wenige Menschen unserer Zeit sind der Auffassung, was sich nicht durch klare Tests nachweisen lasse, müsse in das Reich der Legende, der bigotten Phantastereien, des magisch-mirakulösen Denkens verwiesen werden.
 
Heute von Lourdes sprechen, heißt, zu Bernadette und ihren Marienerscheinungen wie zu jenen Wunderheilungen Stellung nehmen, die sich seit 1858 bis auf den heutigen Tag dort ereignen.
 
Es ist keineswegs das Urteil eines medizinisch völlig unwissenden Laien, sondern die nüchterne Feststellung eines Augenzeugen, des nichtkatholischen, amerikanischen Arztes Dr. Alexis Carrell, der für seine Krebsforschungen 1931 den Nobelpreis erhielt, in der es heißt: »Niemals werde ich das erschütternde Erlebnis vergessen, als ich sah, wie ein großes, krebsartiges Gewächs an der Hand eines Arbeiters vor meinen Augen bis auf eine kleine Narbe zusammenschrumpfte; verstehen kann ich es nicht, aber ich kann nicht bezweifeln, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe« (veröffentlicht in »The American«, zitiert nach Wilhelm Schamoni, Das wahre Gesicht der Heiligen. Leipzig 1938, 275). Alexis Carrell hat sich in zwei lesenswerten Büchern zu Lourdes geäußert: » Das Wunder von Lourdes« (Stuttgart 1951) und »Der Mensch, das unbekannte Wesen« (List­Bücher Nr. 45, 1955, 121f.)
 
Skepsis gegenüber den Ereignissen in Lourdes
 
Was in Lourdes im Jahre 1858 geschehen ist und was seither an Wunderheilungen immer noch geschieht, hat von Anfang an nicht nur Begeisterung und Zustimmung gefunden. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entbrannte ein erbitterter Kampf um Lourdes.
 
Nicht wenige Ärzte erklärten Bernadette Soubirous für eine sentimentale und raffinierte Hysterikerin. Die » Wunderheilungen« versuchte man als Selbsthypnose, als Autosuggestion oder rundweg als Fehldiagnosen hinzustellen. Professor Pitres, der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Bordeaux, hat damals vor Studenten ausgesprochen, was nicht wenige seiner Fachkollegen dachten: » Wenn ihr jemals Menschen über die sogenannten Wunderheilungen von Lourdes reden hört, dann wißt ihr, daß es sich hier lediglich um eine Ausbeutung der menschlichen Dummheit handelt«.
 
Wer damals (und heute?) Wunderheilungen in Lourdes verteidigte, wurde als Scharlatan, als Schwindler, als wissenschaftlich unseriöser Kollege und Frömmler abqualifiziert. Typischer Ausdruck der damaligen Anti-Lourdes-Stimmung sind zwei literarische Werke: 1893 veröffentlichte der französische Neurologe Charcot ein Buch über die angeblichen Wunderheilungen in Lourdes, dem er den Titel gab » Der Glaube, der heilt« ; 1894 gab der französische Schriftsteller Emile Zola (1840-1902) einen Roman »Lourdes« heraus, in dem er die Berichte über die Wunderheilungen wissentlich fälschte.
 
Angesichts der massiven Kampagne gegen die Ereignisse und Heilungen in Lourdes, die mit publizistischem Propagandaaufwand und in aller Öffentlichkeit von Leuten mit Rang und Namen durchgeführt wurde, sah sich die Kirche gezwungen, alle Informationen und Ereignisse, die mit Lourdes zusammenhingen, mit größter Gewissenhaftigkeit von Fachleuten überprüfen zu lassen und mit Zurückhaltung wie mit peinlichster Genauigkeit und Sachlichkeit der Öffentlichkeit zu unterbreiten.


Die Heilungen in Lourdes im Urteil der Mediziner
 
Die Kirche hat von Anfang an darauf größten Wert gelegt, den nach Lourdes kommenden Kranken nicht bloß eine gediegene Unterkunft zur Verfügung stellen, sondern ihnen auch eine optimale ärztliche Betreuung zu geben. Man kann es außerdem nicht klar genug herausstellen: Die Kirche hat und wird sich jedes medizinischen Urteils bewußt enthalten. Die Entscheidung über eine echte, medizinisch nicht erklärbare Heilung kommt ausschließlich der Sachkompetenz des Ärztebüros und dem Internationalen Medizinischen Komitee von Lourdes bzw.dem von Fall zu Fall in Paris tagenden Internationalen Ärztekomitee zu.
 
Sehr früh schon wurden Heilungen in Lourdes durch Mediziner geprüft. Seit 1859 war Professor Vergez von der Medizinischen Fakultät der Universität Montpellier mit der Prüfung von Heilungen (bis zu seinem Tod 1886) befaßt. 1905 ließ Papst Pius X. durch seinen persönlichen Arzt Dr. med. Lapponi dem damaligen Leiter des Ärztebüros von Lourdes Dr. Boissarie den Wunsch vortragen, die auffallendsten Heilungen einem medizinischen Untersuchungsverfahren zu unterwerfen, um Unterlagen für ein wissenschaftliches und religiöses Studium und für die kirchliche Urteilsfindung der daran interessierten Diözesen zur Verfügung zu stellen.
 
Das Ärztebüro von Lourdes ist an zwei verschiedenen Orten untergebracht. Das Sekretariat befindet sich in den Räumen unter der Rosenkranz-Esplanade. Dort ist das Archiv, in dem alle, seit 1883 vom Ärztebüro von Lourdes angelegten Akten aufbewahrt werden. In diesem Sekretariat liegt auch das Verzeichnis der Internationalen Ärzte-Vereinigung von Lourdes (A.M.I.L. = Association Medicale Internationale de Lourdes) auf, der gegenwärtig mehr als 10.000 Ärzte aus allen Ländern der Welt angehören. Ein zweiter Teil des Ärztebüros von Lourdes ­ die sogenannten »neuen Räume« - ist im Erdgeschoß des »Obdachs der Pilger« (Abri des pelerins) untergebracht. Dort befinden sich Untersuchungssäle und auch ein Vortragsraum sowie eine große Bibliothek mit medizinischen Werken und Büchern über Lourdes aus der ganzen Welt.
 
Erste Kontroll­ und Entscheidungsinstanz ist das Ärztebüro von Lourdes. Nach einer Heilung wird der Geheilte dem Ärztebüro vorgestellt. Die in Lourdes gerade anwesenden Ärzte werden über Zeit und Stunde der Untersuchung unterrichtet und dazu eingeladen. Auch nichtkatholische, selbst atheistische Ärzte haben zu diesen Untersuchungen Zutritt. Die geheilte Person muß sich nach einem Jahr erneut zur Untersuchung stellen und vielfach auch noch in den folgenden Jahren, um zur Gewißheit einer definitiven Heilung zu gelangen.
 
Es hat sich als Regel eingespielt, daß der Internationalen Ärzte-Vereinigung erst dann eine Heilung zur Weiterprüfung unterbreitet wird, wenn vorher im Ärztebüro von Lourdes mit Zweidrittel-Mehrheit der anwesenden Ärzte das Prädikat der medizinischen Unerklärbarkeit ausgesprochen wurde. Der langjährige Präsident (1959-1971) des Ärztebüros von Lourdes, Dr. Alphoriso Olivieri, aus dessen Hand das 1973 im Pattloch Verlag erschienene Buch »Gibt es noch Wunder in Lourdes ? Achtzehn Fälle von Heilungen (1950­ 1969)« stammt, legt auf den Hinweis besonderen Wert, »daß wir vor einer bischöflichen Entscheidung über eine Heilung niemals das Wort » Wunder« gebrauchen«.
 
Neben dem Ärztebüro von Lourdes, der ersten Untersuchungsinstanz, gibt es seit 1947 (zunächst »nationales«) und seit 1951 ein internationales Medizinisches Komitee von Lourdes, dem die Aufgabe der zweiten Untersuchungsinstanz zukommt.
 
Erst wenn beide Instanzen - das Ärztebüro von Lourdes und auch das Internationale Medizinische Komitee von Lourdes­ nach gewissenhaften, meist jahrelangen Untersuchungen zu dem Ergebnis: »Medizinisch unerklärbar« gekommen sind, wird das Aktenstück über eine Heilung der kirchlichen Autorität vorgelegt.
 
Es steht jeweils jenem Bischof diese Entscheidung zu, in dessen Diözese der Geheilte lebt. Der kirchliche Entscheidungsprozeß endet mit der Entscheidung des Diözesanbischofs, der für seine Urteilsbildung eine kanonische Kommission (in die auch medizinische Fachleute berufen werden) einsetzt.




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Genehmigte Ausgabe des bisherigen Inhabers.
Erstellt von Familie Wimmer
Diese Seite wurde am 30. Januar 2008 erstellt.